Ich war die, die früher nie etwas gesagt hat.

Warum manche Kinder laut sind und andere leise bleiben – was Kindheit, Bindung und Selbstbewusstsein damit zu tun haben.

Vor mir steht ein Mann, gefühlt mindestens zwei Meter groß, irgendwie Angst einflößend.

Oma: „Ja, möchtest du nun ein Duplo, oder nicht?“
Ich, an Omas Rockzipfel hängend und halb hinter ihrem Rücken versteckt, ganz leise flüsternd: „Mhhhhmmm…“
Oma: „Wie bitte? Ich höre dich nicht.“
All meinen Mut zusammennehmend und ein bisschen lauter flüsternd: „jaaa schon“.
Oma: „Saschi, wenn du etwas möchtest, dann musst du Christian schon sagen, was du willst.“

Zehn Minuten später, zurück in Omas kleinem Laden mit Kinder-Second-Hand-Kleidung.
Ich habe bitterlich geweint und keinen Duplo bekommen.
Dabei weiß ich schon mittags im Kindergarten: wenn Papa mich nachher abholt und mich zu Oma in den Laden bringt, dann gehen wir irgendwann rüber zu Christian in den Kiosk und ich darf mir etwas aussuchen.

Ich habe heute keine Ahnung mehr, ob der Mann wirklich Christoph hieß – aber irgendwie fühlt es sich so an. Ich erinnere mich noch an ihn. Er war total lieb. Ich mochte ihn, mochte es auch, wenn wir zu ihm rüber gegangen sind. Und oft habe ich zum Glück trotzdem eine Süßigkeit bekommen, auch wenn ich den Mund nie aufgemacht habe – meine Oma kannte mich ja und wollte mich natürlich auch nicht quälen.

Und doch immer wieder das Gleiche: „Püppi, du musst den Mund aufmachen“, „nur sprechenden Leuten kann geholfen werden“, „wenn du nichts sagst, dann passiert auch nichts“.

Warum hatte ich schon damals so eine Angst davor, meinen Mund aufzumachen? Vielleicht hatte ich Angst etwas Falsches zu sagen. Vielleicht Angst davor Ärger zu bekommen.

Keine Ahnung.

Ich weiß nur, dass sich das wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen hat.

Bis zu dem Tag…

Mhm, ja wann hat sich das eigentlich verändert? Mit dieser Frage bin ich auf eine spannende Mindset-Reise gegangen, näher zu mir und vielleicht auch näher zu dir?

Warum sind manche Kinder „laut“ und andere „immer leise“?

Nun dafür gibt es unglaublich viele verschiedene Faktoren.

Angeborenes Temperament

Natürlich wissen wir, dass nicht jede*r von uns gleich auf die Welt kommt (ein Glück 😉).

Es gibt die „einfachen“ Babys, es gibt „Schreikinder“ und es gibt – jede Menge Nuancen und Unterschiede. Babys reagieren unterschiedlich stark auf Reize oder generell auf neue Situationen. Manche sind in gewissen Situationen schnell überfordert, andere weniger. Babys, oder generell Kinder, die schneller überreizt sind, wirken vorsichtiger und leiser als andere.

Sensibilität des Nervensystems

Ruhigere, oder wie wir im Erwachsenenalter sagen, „introvertierte“ Kinder, haben meist ein stärker reagierendes Nervensystem als andere. Sie nehmen viel mehr wahr. Egal, ob das Geräusche, Stimmen oder vielleicht auch Erwartungen sind, die an sie gestellt werden. Auch, wenn es oft so wirkt, als seien diese Kinder unsicher, so sind sie oft nur einfach mehr „mit sich“ beschäftigt, da sie das wahrgenommene auch tiefer verarbeiten.

*Studien gehen davon aus, dass 15 bis 30 Prozent aller Kinder von Natur aus hochsensibel (oder hochsensitiv) sind.

Erziehung und Umfeld

Und hier liegt – wie so oft – der Kasus Knaxus.

Wie wir heute wissen, werden sehr, sehr viele unserer Persönlichkeitsmerkmale bereits in den ersten sechs Jahren unseres Lebens geprägt. Das heißt der Umgang unserer Eltern, unserer Familie und allen Menschen, von denen wir in dieser Zeit umgeben sind, hat einen enormen Einfluss auf unsere Entwicklung und damit auch darauf, wie selbstbewusst und „laut“ wir sind – oder auch eben nicht. Es spielt also eine enorme Rolle, ob ich das Gefühl gegeben bekomme, dass ich meine Meinung äußern darf, dass ich gehört werde oder ob man mir immer wieder (subtil oder nicht) einredet, dass es „besser ist“ still zu sein.

Bindung und das Gefühl von Sicherheit

Einer der wichtigsten Faktoren in unserer frühen Entwicklung ist die Bindung zu unseren Bezugspersonen (meist oder im besonderen Verhältnis zur Mutter). Ist die in gewisser Weise gestört oder uns wird das für so viele Dinge so essenziell wichtige „Urvertrauen“ nicht geschenkt, dann kann das mitunter schwerwiegende Nachwehen für unsere Entwicklung und unser ganzes Leben haben.

I know what we are talking about – mein inneres Kind und ich streiten heute noch oft über diese Themen. 😉

Kinder, die sich sicher und geborgen fühlen, haben weniger Angst vor Ablehnung und trauen sich eher sich frei auszudrücken. Unsichere Bindung hingegen kann dafür unter Umständen zu Rückzug, Anpassungen und einem Verhalten à la „Ich halte mich lieber zurück, dann passiert mir nichts“ führen.

Erfahrungen und innere Überzeugungen

Ja… und dann kommt es natürlich ganz darauf an, was für Erfahrungen man im Laufe der Zeit sammelt.

Hört ein Kind immer wieder „Kannst du nicht einfach mal still sein?“ oder wird irgendwie abgelehnt oder ausgegrenzt, nachdem es sich zu Wort gemeldet und sich mitgeteilt hat, dann kann das natürlich Wunden hinterlassen.

Mit der Zeit entstehen Glaubenssätze wie:

  • „Ich bin zu viel.“

  • „Ich sage lieber nichts, anstatt vielleicht etwas falsches.“

  • „Was ich zu sagen habe, ist nicht so wichtig.“

Und diese Glaubenssätze führen natürlich nicht dazu, dass ein Kind immerzu fröhlich „drauf los plappert“.

Wie gerne würde ich der kleinen Saschi heute sagen, dass sie genau so richtig ist, wie sie ist?🤍

Was heißt das jetzt für die kleine Saschi im Kiosk?

Nun… Vielleicht sind wir nicht einfach leise oder laut. Vielleicht haben wir nur gelernt, wann es sicher ist, unsere Stimme zu benutzen und wann wir sicherheitshalber lieber still bleiben.

Offensichtlich stecken da viele Faktoren dahinter und uns einfach in diese zwei Schubladen „leise“ oder „laut“, „intro-“ oder „extrovertiert“ zu stecken, wäre vermutlich auch ein bisschen zu einfach.

Und wer sagt eigentlich, dass „laut sein“ besser oder stärker ist als „leise sein“? Hat es vielleicht sogar Vorteile so still zu sein?

Und gab es bei mir nun eigentlich genau diesen einen Moment, in dem sich etwas verändert hat, in dem ich plötzlich „meine Stimme entdeckt habe“?

Eins habe ich im Laufe der Jahre auf jeden Fall gelernt: nichts ist falsch daran leise zu sein. Und um gesehen zu werden, musst du nicht zwingend lauter werden.